"...wir sind dabei, aus dem Schatten von Astor herauszutreten"
 


Bajofondo Tango Club im Interview

Interview und Übersetzung: Elke Koepping
Fotos: Tom Gonsior

 

 

Kulturforum Berlin, Bajofondo Tango Club beim Heimatklänge-Festival  
 
Foto: Tom Gonsior

Wenn man so eure Biographien liest: ihr habt alle möglichen musikalischen Wurzeln, aber keiner von euch ist ein Tangomusiker. Was hat euch letztlich am Tango interessiert?

Gustavo Santaolalla Der Tango ist Teil der musikalischen Landschaft, in der wir alle aufgewachsen sind. Ich habe als Kind schon angefangen, Musik zu machen und seit ich 16 war, Platten aufgenommen. Ich habe dabei immer versucht, mich in der Musik wiederzufinden, die dafür steht, wer wir sind und wo wir herkommen, sei es nun beim Produzieren anderer Projekte wie Café Tacuba oder bei meiner eigenen Band Arco Iris. Die meiste Zeit in meiner Karriere habe ich das getan, indem ich zeitgenössische Genres mit Volksmusik gemischt habe, Musik aus dem Süden Argentiniens oder lateinamerikanische Volksmusik. Der Tango ist etwas, über das ich wohl früher oder später einfach stolpern musste. Das passierte mit Bajofondo Tango Club.

Das erste Album haben wir mit Javier und Gabriel erarbeitet, es war wirklich mehr eine Produzenten-Platte von Juan und mir. "Supervielle" ist Lucianos Album und baut durch und durch auf seinen Visionen auf, trotzdem ist es unter dem Mäntelchen unserer Zusammenarbeit und unserer Ästhetik entstanden. Jetzt arbeiten wir am zweiten gemeinsamen Album, danach wird es dann ein Album von Juan geben. Wir behaupten nicht, dass das, was wir machen, 'Neuer Tango' ist, wir machen einfach Musik vom Río de la Plata, so wie wir sie empfinden.

Juan Campodónico Meine Beziehung zum Tango kommt, ähnlich wie bei Gustavo, aus meinem familiären Hintergrund, ich bin in einer Umgebung groß geworden, in der Piazzolla und Troilo gehört wurden. Es kam dann eine Zeit, in der ich als Musiker auf der Suche danach war, etwas Neues und Originäres zu schaffen. Das ist mit der heutigen Globalisierung der Musikstile nicht einfach. Der Tango war das Ergebnis dieser Suche.

 

Juan Campodónico       Foto: Tom Gonsior

Luciano Supervielle Ich bin zwar in Frankreich geboren, habe aber die meiste Zeit meines Lebens in Uruguay verbracht, ich sehe mich also als Uruguayer. Ich habe nie Tangos komponiert und kannte mich auch nicht gut damit aus, auch wenn ich viel Astor Piazzolla gehört habe, aber das war im Grunde nicht meine Musikrichtung. Das ist der HipHop. Als ich gebeten wurde, bei dem Projekt mitzumachen, hat mich der Tango verführt, ich habe seine verschiedenen Epochen und Stile entdeckt. Ich sehe mich nicht als Tangomusiker, sondern als Musiker, der etwas Neues aus der Kombination von HipHop und Tango erschafft.

In welcher Beziehung stehen für Dich HipHop und Tango zueinander?

Luciano Supervielle Beide Musikstile haben ähnliche Wurzeln, sie wurden von den unterprivilegierten Gesellschaftsschichten entwickelt. Rap ist in den Elendsvierteln von New York City geboren, der Tango in denen am Rio de la Plata. Wir versuchen, die Annäherung beider Stile aneinander nicht nur auf musikalischer Ebene zu vollziehen, sondern auch thematisch, melodisch und rhythmisch. Beide sagen ähnliche Dinge, beide sind ursprünglich Tanzmusiken.

Ihr verwendet den Tango in extremer Reduziertheit in vielen eurer Stücke, als Ausschnitte oder Zitate aus bekannten Melodien oder auch Klischées, wie z. B. in "Mi Corazón" auf dem ersten Album, begreift ihr das als Stilelement oder auch als Kommentar?

Gustavo Santaolalla Das hat generell sehr viel mit der Kultur und speziell der Musikkultur unserer Zeit zu tun, die fragmentiert und mit Informationen überladen ist. HipHop-Künstler arbeiten in gewisser Weise mit dieser Art des Zitats und auch elektronische Musiker stehen für die Verwendung fragmentierter Klangstücke, mit denen eine neue Sache aus etwas bereits Vorhandenem erschaffen wird. Ich sehe Musik auf sehr bildhafte Art, diese Kunst kommt mir vor wie eine Fotografie, ein Bildausschnitt eines bestimmten Momentes. Bei "Mi Corazón" ist das ein musikalischer Moment. Mit dem Bildausschnitt fertigen wir eine Kollage an, es wird zum ästhetischen Mittel eines Gesamtzusammenhanges.

Das haben wir auch mit Bajofondo gesehen: das Projekt begann als eine Art Laboratorium, aber als wir anfingen, live aufzutreten, hat sich unsere ursprüngliche Erfahrung verändert. Am Anfang haben wir vielleicht 60% der Musik programmiert und 40% eingespielt. Heute sind es nur noch etwa 20% Programming und 80% Instrumentalsound. Im Grunde sind wir permanent auf der Suche danach, unsere Ästhetik neu zu definieren.

Es gibt auf beiden Alben Gesangspassagen der Tango-Diven Susana Rinaldi und Adriana Varela. Habt ihr die nur gesampelt oder haben sie direkt mir euch zusammengearbeitet?

Gustavo Santaolalla Susana Rinaldi haben wir gesampelt, es war aber ziemlich schwierig, dieses Sample zu bereinigen, also haben wir es wie bei HipHop-Stücken gemacht und die Passagen einfach neu geschaffen. Mit Adriana sind wir seit langer Zeit befreundet und wir wollten schon lange mal zusammen arbeiten. Sie hat "Perfume" im Studio eingesungen, in einem anderen Song verwenden wir einen Sample von ihrer Stimme. Aber "Perfume" ist tatsächlich eine Neukomposition von Luciano und Jorge Drexler, insofern wurde auch die Melodie original neu eingespielt.

 

Foto: Tom Gonsior

Daniel Melingo ist ein anderer bekannter Tango-Künstler.

Gustavo Santaolalla Melingo ist so etwas wie ein Freund. Ich kenne ihn schon viele Jahre, aus seiner Zeit mit der New-Wave-Band Los Twist und später mit Lions in Love, einer Band, die er in Spanien hatte. Dann hörte ich, dass er Tango macht und es hat mir sehr gut gefallen. Wir haben uns angefreundet und ihn eingeladen, an dem Album mitzuwirken.

Kürzlich sprach ich mit Martín Iannaccone von Tango Crash, der in Berlin lebt, ihr scheint euch auch aus der Zusammenarbeit an vergangenen Projekten zu kennen.

Gustavo Santaolalla Ich mache schon so lange Musik, weißt Du? Martín ist auch ein guter Freund, wir haben mal bei einem Projekt zusammengearbeitet, das Ojos Después hieß. Sein Vater war übrigens ein sehr berühmter Bolero-Sänger, wusstest Du das?

Nein! Es gibt übrigens noch eine Parallele zwischen eurer Musik und Berlin: das Heimatklänge-Festival, in dessen Rahmen ihr auftreten werdet, hat sich in diesem Jahr dem lateinamerikanischen Fußball verschrieben. In "Centroja" auf dem Album "Supervielle" gibt es diesen uruguayischen Fußballkommentator, der den Sieg Uruguays in einem internationalen Fußballspiel herausbrüllt. Gibt es eigentlich so etwas wie eine historisch belegte Rivalität zwischen Argentinien und Uruguay im Fußball?

Gustavo Santaolalla Die gibt es, aber so denke ich im Grunde nicht. Ich habe mich immer zu Uruguayern hingezogen gefühlt - nicht in sexueller Hinsicht... (brüllendes Gelächter im Raum)...

...außer zu den Frauen?

Gustavo Santaolalla ... sondern aus dem einfachen Grund heraus, dass sie einen engeren Kontakt zur schwarzen Kultur haben als wir in Argentinien und sich das auch irgendwie in die Musik übersetzt. Im Fußball haben beide übrigens einen weitaus gefährlicheren gemeinsamen Gegner und das ist Brasilien. Ich liebe brasilianische Musik usw., aber der Erzfeind von Argentinien, fußballtechnisch gesehen, ist Brasilien. Und es war auch einer der historischen Momente in Uruguay, als sie gegen Brasilien gewonnen haben.

 

Luciano Supervielle     Foto: Tom Gonsior

Luciano Supervielle Es ist nicht so wichtig, DASS das Tor gefallen ist, sondern die Art und Weise, wie der Kommentator seine Freude herausschreit. Das ist für uns etwas sehr Typisches, das man ständig im Radio zu hören bekommt.

Gustavo Santaolalla Das ist sehr musikalisch, in diesem speziellen Fall ist das ein Typ, der in Uruguay geboren ist, aber in Argentinien Karriere gemacht hat. Er lebt heute dort. 

Luciano Supervielle Seine Stimme setzen wir in dem Stück aufgrund der Musikalität im Grunde ein wie ein weiteres Instrument.

Aus euren Kommentaren kann man zwar eine große Leidenschaft für den Tango herauslesen, aber ihr komponiert im Grunde keine Tangos. Wo ordnet ihr eure Musik ein?


Gustavo Santaolalla    Foto: Tom Gonsior

Gustavo Santaolalla Wir versuchen, zeitgenössische Musik zu komponieren, die unsere Vision vom heutigen Leben in urbanen Zentren wie Buenos Aires oder Montevideo wiedergibt. Offenkundig ist da der Tango, wenn Du versuchst, Musik zu machen, die diese zwei Städte repräsentiert, ein Teil von ihnen. Wenn Du eine Art Klangbild visuell festhalten wolltest, wird Dir daraus auch der Tango entgegenkommen. Auf die heutige Zeit bezogen und auf das, was uns als Personen ausmacht, sind aber auch Rockmusik und HipHop ein Teil dieses Bildes.

Du sprichst da einen interessanten Aspekt an. Bezieht sich das auch auf ein negatives Image des Tango, eine gewisse Erstarrung oder Schalheit im Bereich des Massentourismus, der sich kritisch in eurer Musik wiederfindet?

Gustavo Santaolalla Das ist auf jeden Fall ein Teil. Der Tango ist aus verschiedenen Gründen irgendwann statisch geworden. Einer der Gründe ist sicherlich die touristische Vermarktung und Stereotypisierung. Es ist ein Geschäft daraus geworden, was dazu geführt hat, dass manche Leute tatsächlich denken, das ist es, was den Tango ausmacht. Ein anderer Grund war aber auch die musikalische Stagnation nach den 40er Jahren. Die denkwürdigste Sache, die dem Tango danach passiert ist, ist Astor Piazzolla. Versteh mich nicht falsch, für uns ist er ein Gott. Aber es gibt zwei Seiten des Astor-Phänomens: die positive ist sicherlich die, dass er einfach genial war mit dem, was er geschaffen hat, aber in einer Art negativem Nebeneffekt hat er alles andere paralysiert. Wenn jemand nach Piazzolla noch moderne Tangomusik schaffen wollte, war das unmöglich, weil alle in Piazzollismen verfielen, ohne den göttlichen Funken seines Genies zu teilen. Der Tango war ursprünglich eine Tanzform, nach Piazzolla wurde dieser tänzerische Teil komplett vernachlässigt. 

Heutzutage gibt es viel Bewegung und neue Strömungen in der Tangomusik, in die wir auch über Umwege hineingehören, denn wir werden von Leuten aus der Tangowelt mit Interesse beobachtet. Du kannst auf jede Milonga in Buenos Aires gehen, zu irgendeinem Zeitpunkt wird Bajofondo Tangoclub gespielt werden und die Leute tanzen auch dazu.

Ich denke, im Moment ist eine gute Zeit für den Tango, wir sind dabei, aus dem Schatten von Astor herauszutreten.

Das Gespräch wurde am 20.07.2005 in Berlin geführt. 

 

Literaturempfehlung: Tilman Baumgärtel, "Tanz den Tangolectro", in: Zeit-Literatur, November 2003, S. 62. Erhältlich über: archiv@zeit.de

http://www.bajofondotangoclub.com/

Der Fotograf Tom Gonsior ist erreichbar über: www.filmnach8.de

Zum Artikel "Von Sieben, die auszogen den Schwermut das Fürchten zu lehren..." - Bajofondo Tango Club live in Berlin: mehr...

Zur Rezension der aktuellen CD "Supervielle" in der August-Ausgabe von tangokultur.info: mehr...

Zum Electrotango-Artikel in unserer Juli-Ausgabe: http://www.tangokultur.info/old/Electrotango.html

In der Rubrik-Musikdownloads bieten wir zusammen mit unserem Partner iTunes die Möglichkeit an, exklusive Titel vom Bajofondo Tango Club herunterzuladen, die nicht auf den CD's zu finden sind: http://www.tangokultur.info/musik_down.htm



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Ausgabe September 2005

 





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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)