Auffordern III: "Oder hast du Angst?"
 


Das Ritual aus der Sicht der Wissenschaft

Text: Christiane Heyn
Illustration: Gunter Scholtz

 

Der Tango Argentino gehört zu den Paartänzen, die Tanzpartner müssen sich auffordern. Soweit ich es mitverfolgen konnte, machen zumeist die Männer den ersten Schritt, nur selten übernimmt eine Frau die Initiative. Und wenn doch, dann fordert sie vor allem Männer auf, mit denen sie schon einmal getanzt hat.

Der häufigste Satz, den ich während meiner Forschung hören konnte, war ein kurzes "Willst du tanzen?" oder in abgewandelter Form "Tanzt du?". Interessanterweise bedurfte es nur dieser knappen, direkt formulierten Sätze und keiner weiteren einführenden Worte. Ich habe nur sehr selten beobachtet, dass jemand - Mann oder Frau - eine Aufforderung nicht annahm. Stellte das Tanzpaar fest, dass es nicht harmonierte, tanzte es höchstens zwei bis drei Tänze miteinander, um sich dann voneinander zu verabschieden. In den wenigsten Fällen begleitete dabei ein Partner den anderen - und wenn doch, dann der Mann die Frau - zum Platz zurück.

Interessant finde ich, dass bei einer Aufforderung anscheinend von keiner Seite mit einer Absage gerechnet wird. Als ich an einem Abend einmal sehr viel aufgefordert wurde und nicht zu meiner Forschung kam, begann ich schweren Herzens ,Körbe' zu verteilen. Meinen Begründungen, ich bräuchte eine Pause, oder mir täten die Füße weh, fügte ich stets einen herzlichen Dank an sowie das Angebot, zu einem späteren Zeitpunkt desselben Abends von mir aus auf einen Tanz zurückzukommen. Die Reaktionen der Männer ließen mich mein Vorhaben, etwas zu pausieren, jedoch nicht einmal einen halben Abend durchhalten. Ich hatte das unangenehme Gefühl extrem unhöflich und arrogant zu sein. Erwähnte ich diese Beobachtungen gegenüber Frauen, stellte es sich heraus, dass es viele Frauen störte, nicht ,Nein-Sagen' zu dürfen. Sie fühlten sich richtiggehend überfordert, immer ,tanzbereit' sein zu sollen. Das Tangotanzen konnten sie ihrer Meinung nach so nicht wirklich genießen. Sie wollten auch einfach nur einmal am Tisch sitzen und die Atmosphäre genießen. Oft fiel dann der Ausdruck ,sportlich' - es gäbe eben Tänzer, die Tangotanzen eher sportlich sähen und nicht so sehr den Genuss suchten. Ich denke, dass ,sportlich tanzen' eng an ein Leistungsdenken geknüpft ist, das mir an den Tanzabenden häufiger begegnete. 

Einmal konnte ich eine interessante Begebenheit im Windspieltheater in Berlin-Wilmersdorf beobachten: Eine schon etwas ältere, sehr extravagant gekleidete Frau - sie war ganz in Schwarz, trug enge Stoffhosen, ein enges ärmelloses Oberteil und dazu fingerlose Ärmelstulpen, ihre langen blonden Haare fielen ihr offen über die Schultern - hatte schon sehr lange mit dem gleichen Partner getanzt und saß nun an ihrem Platz, um etwas zu trinken. Dabei betrachtete sie die Tanzenden. Nach einiger Zeit stand sie auf, um zu einem Herren, der schräg vor mir saß zu gehen. Sie fragte ihn charmant lächelnd, ob er mit ihr tanzen wolle und als er - aus dem Gespräch gerissen - etwas verwirrt schaute, setzte sie noch hinzu "Oder hast du Angst?". Das ließ er sich nicht zweimal sagen, sprang auf und begann mit ihr zu tanzen. Sie schmiegte sich in seine Arme und schloss die Augen. Mir schien, dass er jetzt sein Bestes geben wollte. Die Beiden tanzten über eine dreiviertel Stunde lang miteinander und der Schweiß auf seiner Stirn entstand vielleicht nicht nur aus dieser Anstrengung.....

Leicht überarbeiteter Auszug aus: Christiane Heyn, Magisterarbeit zur Erlangung der Magistra Artium am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät I, 28.9.2001

 

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Ausgabe April 2006

 


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