Auffordern II: Lieber hübschere Frauen
 

Das Ritual aus der Sicht eines Mannes

Text: Jochen Hille
Illustration: Gunter Scholtz


In den acht Jahren, in denen ich tanze, hat sich das Auffordern für mich sehr gewandelt. Anfangs fand ich es vor allem skurril, auf eine so altmodische Art eine Frau zu fragen, ob sie mit mir tanzt. Aber inzwischen ist es zur Gewohnheit geworden und gelegentlich muss ich darauf achten, dass das Auffordern nicht einen automatisierten Touch bekommt, etwa wie das Anschalten des Fernsehers oder der Mikrowelle.

Meine Routine hat mehrere Gründe. Erstens habe ich inzwischen schon einige tausendmal aufgefordert. Zweitens bin ich in den Jahren ein sicherer Tänzer geworden. Drittens tanze ich oft mit meinen Pappenheimerinnen. Ich weiß also relativ genau, wen ich frage und wen nicht bzw. wo ein ,Ja' oder ein ,Nein' zu erwarten ist. Sicher, manchmal gibt es Frauen, bei denen ich das nicht abschätzen kann, Frauen, mit denen ich lange nicht mehr getanzt habe und es nicht klar ist, ob das so ist, weil einer von uns keine Lust hat mit dem anderen zu tanzen, oder weil es sich so ergeben hat. Wenn ich manchmal in einer anderen Stadt tanze oder mit einer Unbekannten, die zum Tango nach Berlin kommt, dann ist es mit dem Auffordern wieder wie beim ersten Mal: Ich bin gespannt, was mich erwartet und ob es sich gut anfühlt. 

Wen ich auffordere hängt von vielen Faktoren ab. Keinesfalls nur von der Jugend und dem Aussehen der Frau. Aber es ist klar, dass das Aussehen auch eine Rolle spielt, und natürlich tanze ich lieber mit hübschen als mit nicht so hübschen Frauen. Ich nehme an, dass das umgekehrt ebenso ist und fände es albern, es zu leugnen. Es ist aber nur eines unter mehreren Auswahlkriterien, wie eine Frau aussieht. Mindestens ebenso wichtig ist mir das tänzerische Können und der Eindruck, dass es sich um einen aufgeschlossenen Menschen handelt. Ich gehöre nicht zu den Männern, die bei einer Unbekannten erst mal warten, bis sie gesehen haben, ob sie tanzen kann. Es würde mich ja auch viel zu viel Aufmerksamkeit kosten, wenn ich einen Teil des Abends damit zubrächte, zu beobachten und zu analysieren wie eine Frau tanzt.

Dennoch gibt es Zeichen, die mir mit 80-prozentiger Sicherheit sagen, ob es mit dem Tanzen klappen wird oder nicht. Das ist erstens ein grundlegendes Gefühl von Sympathie, welches allen Ausgaben von ,Psychologie Heute' zufolge nach Sekundenbruchteilen da ist oder eben nicht. Zweitens der Kleidercode, denn umso tangogemäßer sich eine Frau - von den Schuhen bis hin zu Kleidern und Haartracht - gibt, umso eher ist sie eine gute Tänzerin. Die Kleidung allein kann fehlleiten! Kommt aber ein sicheres Auftreten hinzu, dann ist sie wahrscheinlich eine gute Tänzerin. Arroganz schreckt wiederum ab, doch ein bisschen davon ist tangotypisches Verhalten und zeigt zumindest, dass die Dame schon Tangofilme gesehen hat. Und drittens hat es was mit der Körperspannung und -haltung zu tun. Ich gucke immer, ob die Frau in etwa zu meinem Körpergefühl passt oder nicht. Nach diesen Kriterien weiß ich dann ziemlich genau, mit wem ich tanzen will und bekomme natürlich auch Signale, ob eine mit mir tanzen möchte. 

Schließlich gibt es auch noch jene Frauen, an denen ich seit Jahren aus unerfindlichen Gründen vorbei tanze und mit denen ich anscheinend eine stillschweigende Übereinkunft habe, dass wir besser nicht miteinander tanzen. Ob es Unsicherheit ist oder sicherer Instinkt, kann ich nicht sagen. Ohnehin muss ich jetzt erst mal duschen, da ich sonst nur stark verschnupfte oder nasenamputierte Damen auffordern dürfte.

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Ausgabe März 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)