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Das Ritual aus der Sicht
einer Frau
Text: Kerstin Tomiak
Illustration: Gunter
Scholtz
Robert Sussman von der Universität
von Washington in St. Louis tanzt keinen Tango. Entsprechend fordert er
auch keine Frau auf. Trotzdem hat er eine Entdeckung gemacht, die im
Zusammenhang des Aufforderns höchste Bedeutung hat. Robert Sussman von
der Universität von Washington in St. Louis nämlich wies bei einem
Kongress der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der
Wissenschaften auf folgende Tatsache hin:
Der Mann ist kein Jäger. Sondern ein Beutetier.
Er stützt diese Behauptung, die das Selbstbild fast aller mir bekannten
Männer ins Wanken und sie selbst in tiefste Depressionen stürzen dürfte,
auf Untersuchungen an Fossilien des Australopithecus afarensis. Dieser
Herr war ein etwa 1 Meter 50 großer und bis zu 45 Kilo schwerer
Hominide, der vor ungefähr 5 bis
2, 5 Millionen Jahren lebte und der als der direkte Vorfahre der Gattung
Homo angesehen werden kann. Dies alles sind übrigens nur Informationen
am Rande. Falls sich der geschätzte Leser gerade leicht verwirrt fragt,
was all das mit Tango zu tun hat, so liegt das - um ehrlich zu sein
- in meiner Absicht.
Tango gilt als hervorragender Jagdplatz. Man sieht sie über die
Milongas streifen wie einsame Wölfe durch die Savanne, aus den
Augenwinkeln peilen sie nach Opfern, sie sind bereit und in der Lage,
sich in sekundenschnelle herum- und auf ein noch ahnungsloses Weibchen
zu werfen, mit der Frage aller Fragen auf den Lippen: Willst du tanzen?
Andere, man könnte sie 'Allesfresser' nennen, sparen sich die
Auswahl, sie lauern nicht auf das Opfer ihrer Wahl, sie strecken einfach
den Arm aus wie ein Fischer sein Netz und marschieren die Runde an den
Scharen sitzender Damen vorbei, in der Hoffnung, dass irgendeine schon
die Hand ergreifen wird. Merkwürdigerweise tut's auch immer wieder
eine.
Der
Mann ist ein Jäger. Der Mann fordert auf.
Welche
dieser beiden Behauptungen ist falsch? Richtig, beide. Der Mann ist in
Wahrheit ein Beutetier und nirgends wird das klarer als auf einer
Milonga. Da sitzt sie also, die Jury der Damen, lächelt fein, fächelt
sich eventuell elegant ein wenig Luft zu und plaudert angeregt. Mustert
die anwesenden Herren und überlegt, mit wem zu tanzen wäre. Ist diese
Entscheidung gefallen, wird das Weibchen aktiv. Es nimmt den
Blickkontakt auf. Das hört sich so einfach an. In Wahrheit aber ist es
ein höchst fein aufeinander abgestimmtes Intervall von: Hin- und
weggucken, Augen niederschlagen, zart lächeln, etc. Es dauert meistens
nicht lange, bis die auserkorene Beute den Kampf verloren gibt, sich über
die Tanzfläche hinweg auf den Weg macht und der Siegerin ein "Willst
du tanzen?" zu haucht. Die wahre Aufforderung kommt vor der
Aufforderung.
Es war ein Mann, der mal gesagt hat, die Frau sei die einzige Beute, die
dem Mann auflauert. Fein lächelnd lassen wir ihm diesen Glauben.
Genauso, wie wir die Herren im Glauben lassen, sie würden uns
auffordern.
Um zum Australopithecus afarensis zurückzukommen, dieser hat aus seiner
Unterlegenheit gegenüber Säbelzahntiger und Mammut eine Tugend
gemacht. Er entwickelte die Fähigkeit zur Kooperation. Diese
Entwicklung kann erfreulicherweise auch bei Tangotänzern beobachtet
werden.
Kluge Männer stellen sich auf Milongas direkt in die Blickrichtung der
ihnen genehmen Dame. Und warten dann - auf den Blick. Wenn er kommt,
muss meist nicht mal mehr gefragt werden. Ein Nicken, ein Lächeln -
das reicht dem zur Kooperation fähigen Hominiden-Paar. Und was, wenn
der Blick nicht kommt?
Es gibt Tangotänzer, die behaupten, dass mit dem Blickkontakt
funktioniere nicht. Oh doch, tut es. Die Natur gab der Frau dazu große
Augen. Die Drogerie versorgte sie mit Wimpernzange und -tusche. Wenn
eine Frau nicht guckt, oder den Blickkontakt abbricht, dann heißt das 'Nein'. Wenn sie gar zu Boden guckt, bedeutet es:
'Wage es bloß
nicht!' Der Blick zu Boden ist sozusagen die menschliche Variante des
Raubtierfauchens.
Wenn sich jetzt die Beute Mann nicht mit der blicklichen Ablehnung
zufrieden geben will, sondern sich weiter konsequent einbildet, die Dame
habe ihn nicht gesehen, obwohl er seit rund dreißig Minuten so direkt
vor ihr steht, dass sie keinen Anderen mehr sehen kann - dann fragt er
halt direkt. Und vielleicht tanzt sie sogar trotzdem mit ihm.
Die Achilles-Ferse der Frau ist ihre Höflichkeit. Auch das ist
evolutionsbedingt.
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Ausgabe März 2006
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