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Eine persönliche Annäherung an Tangogeschichte
Text: Anton Gazenbeek
Übersetzung: Elke Hodde-Kalich und Elke Koepping
Fotos: Sergio Segura
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Anton Gazenbeek bei einer Aufnahme
für den Touristenkanal |
Meine Reise in die Tangowelt begann rein zufällig. Als ich erst 13
Jahre alt war, ging ich eine kleine Strasse in meinem Geburtsort Den
Haag in den Niederlanden entlang. Es war eine kleine Strasse ähnlich
der Florida in Buenos Aires, wo es viele kleine Geschäfte gab, die ihre
Türen einladend geöffnet hatten. Es gab viele Musikgeschäfte, CD-Läden,
etc. Als ich an einem von ihnen vorbeiging, hörte ich eine seltsame,
wunderschöne Musik, wie ich sie noch nie vernommen hatte. Ich erinnere
mich sehr genau daran, dass ich wie angewurzelt stehenblieb und einfach
dort stand, gebannt und zuhörte. Ich war überwältigt von der Schönheit
der Musik und dem Gefühl, das sie ausstrahlte. Dieses Gefühl war so
stark, dass ich spürte, wie mein Herz laut klopfte. Von diesem Moment
an änderte sich mein Leben.
Ich betrat das Geschäft, fragte den Verkäufer, was das für eine
wunderschöne, mir völlig fremde Musik sei, und er antwortete:
"Das ist Gardel". Ich hatte keine Vorstellung, was oder wer
Gardel war und schrieb dieses eine Wort auf ein Stück Papier.
Ein paar Tage später begann ich im Internet über Gardel zu
recherchieren. Ich fand heraus wer er war und kaufte eine weitere
Tango-CD. Diesmal war es ein Sampler von Orchestern wie Pugliese, Di
Sarli, D’arienzo. Jedes einzelne Orchester faszinierte mich und ich
wollte mehr darüber wissen. Ich wollte wissen wer Pugliese war. Wer war
D’arienzo? Wo kamen sie her? Wann lebten sie? Wo spielten sie? Mit
wem? Warum?
Später kaufte ich den Soundtrack zur Show Tango Argentino. Diese Show
wurde für mich zunehmend zu einer Besessenheit. Da ich 1984 geboren
bin, hatte ich nie die Gelegenheit die Show live zu sehen (sie hatte
ihre Uraufführung 1983 in Paris). Ich hörte mir die CD mindestens
tausend Mal an. Ich fing an über der Musik zu träumen. Ich fragte
mich: "Wie könnte die Show an dieser Stelle in der Musik
ausgesehen haben? Wer hätte getanzt? Was hätten sie gemacht?" Ich
schaute mir die kleinen Bilder der Tänzer in der Broschüre an, die der
CD beilag und fragte mich: "Wer ist dieses Paar hier mit der Frau
in dem Fransenkleid? Wer ist dieses Paar da mit dem großen Mann und der
schmalen Frau?" Ich begann mit der Forschungsarbeit. Eine Arbeit,
die bis zum heutigen Tag anhält. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass
ich ein Experte für diese Show werden würde, alle Mitwirkenden, den
Schöpfer und den Bühnenbildner treffen, mich mit allen anfreunden und
mit ihnen zusammenarbeiten würde.
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Tango Argentino Besetzung, Anton
und Natalie 2. v. li.
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Man könnte sagen, meine erste Leidenschaft war die Tangomusik. Der Tanz
kam später. Da ich diese Musik so tief in mir fühlte, suchte ich nach
einer Möglichkeit, das auszudrücken. Ich konnte kein Instrument
spielen, ich konnte mit Sicherheit nicht singen, also war das einzige,
was übrigblieb, mein Körper, um ihn als Instrument zu nutzen und
tanzen zu lernen. Das tat ich auch.
Wie alle jungen Leute war ich sehr jung, sehr ungeduldig und wollte am
liebsten alles am ersten Tag lernen. Glücklicherweise hatte ich einen
Lehrer, der mich bremste und sagte: "Pibe, du musst erst lernen wie
man geht bevor du losrennst." So brachte er mir als erstes bei zu
folgen, wie es die Männer in den 40er Jahren in Buenos Aires taten; er
ließ mich jeden Tag eine Stunde lang Gehübungen quer durch den Raum
machen, vor und zurück, aber genau das war das Handwerkszeug, das mich
zu dem Tänzer machte, der ich heute bin. Das war eine wichtige
Grundlage.
Als ich tanzen lernte, ging ich 5, 6 oder 7 Nächte in der Woche auf die
Milongas. Ich tanzte bis ich nicht mehr tanzen konnte. Das wurde zu
einer richtigen Besessenheit. Ich hatte die Liebe meines Lebens
gefunden. Da jeder durchreisende Tangolehrer in die Stadt kam, war ich
auch da, um bei ihnen zu studieren: Copes, Rivarola, Gloria und Eduardo,
Zotto, Milena, Guillermina und viele andere. Natürlich musste ich
Spanisch lernen, um mich mit ihnen zu verständigen, also studierte ich
an der Universität vier Jahre lang spanisch.
Mit 16 unternahm ich meine erste Reise nach Buenos Aires. Zu der Zeit
lebte ich in der Nähe von Los Angeles und tanzte bereits mit
Guillermina Quiroga. Ich musste ein paar Kurse zusammen mit ihr im
"Porteño y Bailarin" unterrichten und sie sagte zu mir:
"Anton, nehme dich mit, damit du jemand ganz Besonderen triffst."
Sie brachte mich mit einem Mann namens Raul Bravo zusammen. Guille und
ich fingen an zu tanzen, er stand auf, sah mich an, musterte mich wie
ein Falke und sagte: "Junge, ich glaube wir werden sehr gut
miteinander auskommen." Er und ich, wir begannen sofort miteinander
zu tanzen und hatten riesigen Spaß. Ich übte den ganzen Tag mit ihm,
jeden einzelnen Tag, 6 Wochen lang, bis ich nach Hause zurück musste.
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Er zeigte mir eine andere
Seite des Tangos: nicht die weiche, romantische Seite wie sie die
Ausländer sehen, sondern die echte, rustikale, männliche Seite;
den Tanz der einfachen Leute. Das war der Tango, den ich liebte:
voller Feinheiten, Geschwindigkeit, Kreativität, Kraft, Verständigung
und Präsenz. So lernte ich zu tanzen und zu fühlen. |
Als ich 18 wurde, traf ich die große Entscheidung nach Buenos Aires zu
ziehen. Meine Eltern unterstützten mich dabei. Sie verstanden, dass der
Tango mein Leben war und hier seinen Mittelpunkt hatte. Als ich dort
ankam, begann ich mit Alicia Monti zu tanzen, die sich gerade von ihrem
Partner Carlos Copello getrennt hatte, mit dem sie achtzehn Jahre
getanzt hatte. Wir trainierten jeden Tag und fingen an, im Club del Vino
mit Nestor Marconi, Salgan und dem Sohn von De Lio aufzutreten. All das
war für einen neunzehnjährigen holländischen Jungen natürlich ein
Traum! Wir gingen auf Tournee nach Japan, China und Korea. Noch ein
Traum.
Während dieser ganzen Zeit verlief meine Tanzkarriere parallel zu
meiner Forschungsarbeit. Ich traf die legendären Tänzer und
Choreographen, von den ich immer geträumt hatte. Ich tanzte mit ihnen,
hörte mir ihre Geschichten an, schrieb alles auf und sammelte Material.
Ich fing an, eine enorme Sammlung von alten Videos, Filmen, Schriftstücken,
Fotografien, Zeitschriften, Zeitungen, Büchern und Programmheften
aufzuhäufen. Ich dokumentierte alles und begann, nach längst
vergessenen Tänzern zu suchen, interviewte sie und setzte anhand ihrer
Berichte Stück für Stück die Tangogeschichte zusammen.
Viele von diesen Tänzern waren seit Jahren aus der Tango-Szene
verschwunden, einige waren gestorben und andere hatten aufgehört zu
tanzen. Es wurde immer schwieriger sie zu finden. Aber mit enormer
Entschlossenheit und einiger Anstrengung machte ich viele von ihnen
ausfindig. Tänzer, die von der heutigen Jugend längst vergessen sind,
aber Persönlichkeiten, die die wichtigsten Weiterentwickler des Tango
vor 30, 40, 50 Jahren waren. Ich wurde ihr Freund, ihr Schüler und der
Detektiv, der ihren Spuren folgte.
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Hilda, Juan, Nelly Balmaceda
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Nach der Trennung von Alicia traf ich den Fotografen Sergio Segura, der
bereits ein anerkannter Projektleiter, Veranstaltungsproduzent und
Organisator war. Er interessierte sich für meine Untersuchungen und
stellte mich Natalie Laruccia vor, einer jungen Tänzerin. Als ich
Sergio und Natalie das erste Mal traf, waren sie so skeptisch wie alle
anderen auch. Sie glaubten nicht, was ich ihnen über den Tango erzählte.
Sie sagten: "Ach, dieser holländische Junge ist total verrückt!"
Sie, wie viele andere auch, hatten nur den neueren Tango der letzten fünf
Jahre kennen gelernt. Als ich ihnen jedoch zeigte, was ich in meinen
Kisten hatte, änderten sie ihre Meinung schnell. Das hatten noch nie
gesehen, was ich vor ihnen ausbreitete. Sie hatten nie gewusst, dass
diese Seite des Tango existierte.
Sergio sagte: "Anton, du musst das der ganzen Welt zeigen!"
und mit seiner Hilfe taten wir das auch. Wir machten unsere erste
Tournee nach Japan und die USA im Jahre 2005. Sie bestand aus Vorträgen
über die Geschichte des Tango mit seltenen Videos, historische
Tanznachschöpfungen in zeitgenössischen Kostümen, Workshops und
Meisterkursen in historischen Tangostilen und der Präsentation der Show
"Anthropologie des Tangotanzes“, einer lehrreichen
Multimedia-Show über die Weiterentwicklung des Tango, die mit großem
Erfolg in Houston, Texas, präsentiert wurde. Während wir durch die
Welt reisten und lehrten, auftraten und Vorträge hielten, erfuhren wir,
dass große Unwissenheit und fehlerhafte Informationen über den Tango
in der ganzen Welt und ganz besonders in Buenos Aires verbreitet waren.
Viele Leute wußten nicht, wer Copes, Virulazo oder Todaro waren. Sie
konzentrierten sich nur auf die jungen, "modernen" Tänzer der
heutigen Zeit. Wir nahmen uns vor, das zu ändern. Sie zu unterrichten.
Ihnen das zu zeigen, was wir in Buenos Aires gefunden hatten.
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Anton bei einem Vortrag über Tangogeschichte
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Im Jahr 2006 entwickelten wir zusammen mit Sergio die "Tango
Argentino Kult(o)ur". Im Mai dieses Jahres kehrten wir in die USA
zurück für eine viermonatige Tournee, auf welcher wir diese Show mit
großem Erfolg in landesweit vielen Städten präsentierten. Zurück in
Buenos Aires machte unser Team mit der Recherche weiter. Mithilfe von
Sergios Produktionsfirma produzierten wir drei Lehr-DVDs. "The
Fundamentals of Social Argentine Tango Vol. 1" wurde im
historischen Club Sin Rumbo im Viertel Villa Urquiza gedreht. Wir
begannen, regelmäßige Kurse im Sin Rumbo zu unterrichten, was für uns
eine große Ehre war, denn die einzigen anderen Lehrer, die dort
unterrichteten waren Lampazo, Rodolfo und Maria Cieri und der Sohn von
Virulazo. Sergio machte international kräftig Werbung für den Club, um
ihn zu unterstützen. Die Materialien, die wir produzierten, halfen uns,
unsere Botschaft quer durch die ganze Welt zu verbreiten und erzeugten
gleichzeitig ein Bewusstsein für die ursprünglichen, verlorenen
Tangostile.
Im Oktober 2006 wurde ich eingeladen, auf dem World Tango Festival
zusammen mit Maria Nieves, Gloria und Eduardo, El Indio, Tete und
Silvia, neben vielen anderen, zu unterrichten.
Sergio hat sich mittlerweile als wichtiger Produzent in der Tangowelt
etabliert und half mir, meine Leidenschaft, meine Ideen in Möglichkeiten
zu verwandeln, von denen ich nie auch nur gewagt hätte zu träumen. Er
und ich, wir arbeiten als Team bei allen Interviews, Recherchen und
Forschungen, die wir machen. Während ich mich mehr auf die Perspektive
der Männer im Tango konzentriere, konzentriert sich Natalie auf die
Perspektive der Frauen. Genau wie ich Ihnen jede einzelne Eigenheit von
Copes in den Jahren 1959 bis 2006 beschreiben kann, kann sie Ihnen jede
Eigenheit von Maria Nieves im selben Zeitraum beschreiben. Ich sehe
durch die Augen eines Mannes, sie durch die einer Frau. Natalie und ich
sind mit unseren Köpfen permanent in den Wolken. Sergio ist auf
soliderem Boden verankert. Zum Glück!
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Mit diesem Team hoffen wir,
unsere Liebe zum Tango in der ganzen Welt zu verbreiten. Jedem
einzelnen da draußen eine Seite zu zeigen, die sie noch nie
gesehen haben.
Mehr Informationen über Anton
und Natalie…
Zur DVD-Rezension
"The Todaro-Bravo-System" von Anton und Natalie in
dieser Ausgabe. |
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Anton und Natalie haben
verschiedene Lehrvideos produziert. Diverse DVDs sind erhältlich
auf Sergio Seguras Website: Link... |

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Ausgabe Dezember 2006
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