Klassik traf Tango
 

Unaufdringlich eindringlich: Aguirre-Rocco in der Passionskirche

Text: Jörg Buntenbach
Fotos: Torsten Moebis

 

Die Passionskirche im Berliner Bezirk Kreuzberg, die immer wieder mit anspruchsvollen Konzerten für Aufmerksamkeit sorgt, war nicht ausverkauft, aber doch gut gefüllt an diesem kalten Abend Ende Februar, als das argentinische Duo Aguirre-Rocco sein Programm 'Klassik trifft Tango' vorstellte. Bei den Werken, die gespielt wurden, handelte es sich um europäische Erstaufführungen.

Pablo Aguirre, der Komponist und Pianist, studierte u.a. Klavier am Konservatorium von Buenos Aires und Musikpädagogik an der Universität Caece. Zudem erhielt er für seine Arbeit zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt 2004 den Preis 'Estímulo a la Creación' des Fondo Nacional de las Artes. Der Flötist Luis Rocco studierte an der Musikhochschule von Santa Fe (Argentinien) und am Musikinstitut der Universität Nacional del Litoral von Santa Fe. Seit 1985 ist er Mitglied des Philharmonieorchesters des Colón-Theaters in Buenos Aires.

Vor dem Altar der Passionskirche gaben sich die beiden Musiker sehr bescheiden, und ein kleines Manko war, dass Pablo Aguirre mit dem Rücken zum Publikum saß. Beim ersten Stück 'Sonata Tanguera I: Buenos Aires en Llamas' konnten die Künstler nur langsam die Distanz zum Publikum überwinden. Das gelang ihnen aber spätestens beim zweiten Werk 'Nocturno Porteño', einem Klaviersolo. Weit vor der Pause brach bei 'El Festejo (Allegro)', dem dritten Satz der 'Suite Buenos Aires', dann das Eis: spontaner Applaus zwischen den Sätzen. Die Candombe-Elemente auf der Querflöte waren erfrischend und rissen die Zuhörer mit.

Überhaupt war die Querflöte Luis Roccos das bestimmende Instrument, ohne dass das Klavier dabei zurückgedrängt wurde. Rocco spielte sein Instrument akzentuiert und mit viel Witz. Teilweise erinnerte die Musik an Filmmusik, welche die Bilder von romantischen Gefühlen der Sehnsucht, des Abschieds und der Sinnlichkeit gleich mitliefert. Aguirre und Rocco musizierten sich zu und pendelten hin und her zwischen Klassik und Tango. Auf diese Weise gelang es Aguirre, dem Tango im kammermusikalischen Sinne ein neues Element hinzuzufügen.

Mutig war es, nur auf eigene Kompositionen von Pablo Aguirre zu vertrauen und nicht doch auch ein bekanntes Stück, z.B. von Astor Piazzolla mit ins Programm einzubauen, weil man (wie so viele andere Musiker) der eigenen Musik nicht vertraut. Das Duo blieb aber ganz bei sich und ließ die Musik für sich sprechen, und diese Konzept ging auf. Unaufdringlich eindringlich! Und das beweist, dass es dem Tango gut tut, wenn der Komponist und nicht der Arrangeur im Mittelpunkt einer musikalischen Inszenierung steht. Der Musik von Aguirre-Rocco muss man sehr aufmerksam folgen. Man muss sich auf sie einlassen, sich in sie fallen lassen, will man ihre feinen Nuancen nicht überhören. Wem das aber gelingt, zum Beispiel bei dem getragenen 'Himno por la memoria', dem vorletzten Stück des Programms, dem öffnet sich eine neue musikalische Welt. Sicher, auch bei diesem Konzert hätte sich mancher, wie zu hören war, noch mehr melodiöse Harmonien gewünscht.

Mit der Milonga 'Pasión Ensordecedora' wurde das Ende des Abends mit einem wilden, fast rockigen Klavierintro, eingeläutet. Das Stück klingt wie eine Mischung aus Mozart und Pugliese. Viele Beine im Publikum wippten im Takt - und das sagt es mit einem Wort: es war mitreißend!

Mit einem wohligen Gefühl und vielen schönen Sinneseindrücken verließ das Publikum die Passionskirche. Das Konzert war durch Leitmotive und Tempowechsel gekennzeichnet gewesen, die noch lange nachwirkten. 

Wir sind gespannt auf die CD von Aguirre-Rocco, die im Herbst 2006 erscheinen und in Berlin vorgestellt werden soll.

Das Interview mit dem Duo Aguirre-Rocco: jetzt lesen

Die Homepage der Musiker: www.aguirre-rocco.com

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Ausgabe März 2006

 


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Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)