Fortsetzung des Leserbriefes 
 

von Hans-Martin Hallier aus Bremen:

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Dieser Abend war eine musikalische Revue, völlig ohne Handlungsrahmen, zu der (auch) getanzt wurde. Der direkte Vergleich mit "Tango Pasión" drängt sich nur auf, wenn man den geschraubten Texten der Verfasser des Flyers, irgendeines Werbetexters, der sich seine Gage wohl aus der Maximierung von Superlativen errechnet, allzu ernst nimmt und allzu wörtlich eingelöst sehen möchte.

Links auf der Bühne, aber eigentlich in der Hauptrolle, den TANGO darstellend, war das Orchester, das für den Rahmen des Programms durch seine Musikauswahl und -interpretation vorwiegend in der Person des Bandoneonisten und Arrangeurs Peter Reil verantwortlich war. Diese Auswahl war nicht üblicher Tango-Mainstream, lediglich die Art der Interpretation bewegte sich im Rahmen der klassischen großen Orchester, also zwischen Pugliese, Troilo, D'Arienzo und Di Sarli. Die Stücke stammten aus allen Epochen und waren auch als eine Hommage an die alten Zeiten der frühen Tangos zu verstehen (Arolas, Lomuto, Bevilacqua, Vicente Greco, Pascual, ja die Mehrzahl der Komponisten gehören zu dieser frühen Generation). Es gab Tangos, Walzer und Milongas zu hören und man schloss -  wie oft geübtes Ritual in Tangokreisen - mit La Cumparsita ab.

Das traumwandlerisch präzise und luftige Zusammenspiel des Sexteto Mayor, welches die verglichene Tangoshow "Tango Pasión" durch Jahrzehnte begleitete und weltweit gefeiert wurde, hat sicher Maßstäbe gesetzt. Aber was uns von diesem Orchester aus Berlin dargeboten wurde, war ein reifes, gekonntes, kammermusikalisches Musizieren auf hohem Niveau, ohne dass diese Truppe viel Gelegenheit gehabt hätte, sich aufeinander einzustellen, denn kaum einer dieser MusikerInnen spielt mit den Kollegen aus dem Orchester "Sabor a Tango" auch sonst zusammen. Fast eine echte Ad-hoc-Formation, wenn man von einigen Konzerten (von Tournee kann man da gar nicht sprechen) hier und da in der einen oder anderen Provinz Deutschlands einmal absieht. Ein so gut besetztes Orchester findet eben leider kaum Auftrittsmöglichkeiten und ist deshalb immer die Aufmerksamkeit derjenigen wert, die etwas nicht Alltägliches erleben möchten. Da erklärt es sich auch von selbst, dass mit diesem Orchester als Begleitband auch das Spektrum an Stilen eingeschränkt wurde, da sie nicht mit künstlichen Gimmicks aufwarten, keinen finnischen und keinen Neotango spielen, auch keinen Alte-Garde-Retro-Stil, nur um alle Stile vorzuführen. Für mich ein purer Genuss.

Sie haben nicht brav gespielt, sondern souverän, sie haben es swingen lassen, vibrieren lassen, das stampfte und pulste, wenn die Bandoneones den Rhythmus anlegten, über den die perfekt intonierenden Streicher ganz verträumte und zuckersüße Melodien legten. Ein erstklassiges Zusammenspiel in herausragendem Arrangement. Kraftvoll, dann wieder zurückgenommen und flüsternd, kammermusikalisch eng, aus einem Guss. Die Musiker verstehen einander, ordnen sich dem Arrangement unter, ohne jedoch die Individualität einzubüssen. Manchmal ist eine solistische Einlage drin, manchmal zählt nur der möglichst geschlossene kraftvolle Gesamtklang, z. B. der Reihe der Bandoneones. Luis Stazo hatte da im zweiten Teil seine Extrarolle als fünfter oder erster unter den "Bälgen", wie man es nimmt. Er brachte diese Jahrzehnte des Sexteto Mayor mit sich und ließ als dankbare Hommage an seine Berliner Ehefrau seine recht neue Komposition "A mi esposa" zu Beginn des zweiten Teils erklingen.

Der Sänger Sergio Gobi war gut aufgelegt, kam als einer der "Chansonniers des Tango" sowohl in seiner Darstellung als auch stimmlich sehr gut an, auch die ausgesuchten Lieder "passten" ihm, nur schade, dass es nur vier Beiträge mit ihm als Sänger gab.

Die Tänzer wiederum sollten nicht Virtuosität, noch weniger Akrobatik oder Unglaubliches, Circensisches präsentieren, um das Publikum zu verzücken, sondern es sollte einfach "nur" Tango sein, nicht mehr war wohl nach meinem Verständnis der Anspruch. Kann sein, dass da irgendwo noch Erwartungen und Wünsche offengeblieben sind. Ich fand das aber ehrlich und nicht verkrampft überhöht, war damit ganz zufrieden. Belanglos war es nach meiner Meinung nicht, aber wenn ich es nett gemacht nenne, kann dies ebenso positiv-anerkennend wie auch spöttisch-ablehnend gelesen und verstanden werden.

Für mich ein gelungener Abend, und ich finde, es wäre geradezu eine erschreckende Verschwendung an Probenzeit und geistiger Arbeit, wenn diese vier Abende nun alles gewesen sein soll(t)en. Ich erwarte und hoffe, dass diese Arbeit letztlich erfolgreich war und dieses Produktionsteam dabei keine "kalten Füße" bekommen hat, sondern Mut damit weiterzumachen und es woanders oder zu späterer Zeit wieder auf die Bühne zu bringen.


Email:
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Im Internet:
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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)